Pegel Heidelberg-Karlstor

Quelle: HVZ

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Warum gibt es in Heidelberg zwei Rudervereine?

Auszug aus der Heidelberger Tagespresse im Jahr 1900

Wenn wir uns heute die Frage stellen, warum es denn zwei Rudervereine in Heidelberg gibt, könnte die Antwort in unserer rationalen, ökonomischen Welt lauten: Konkurrenz belebt das Geschäft! Und in der Tat ist es wohl so, daß der Rudersport in Heidelberg durch die beiden Vereine nicht nur mehr ins öffentliche Interesse sticht, sondern - summa summarum - auch weitaus mehr Interessenten rekrutieren kann, als ein einzelner Verein dies könnte. Selbstverständlich ist dieses Gedankenspiel keine plausible Antwort auf die Frage, warum es neben dem Heidelberger Ruderklub auch noch die Rudergesellschaft Heidelberg gibt. Historische Prozesse lassen sich eben meist nicht auf einer rein rationalen, emotionslosen oder gar ökonomischen Basis befriedigend erklären.

Führen wir uns die gesellschaftlichen Verhältnisse des ausgehenden 19. Jahrhunderts in Deutschland vor Augen! Das deutsche Kaiserreich war knapp 30 Jahre alt, und mit ihm hatte sich über weite Strecken konservatives Denken etabliert. So durfte beispielsweise zu dieser Zeit noch kein Bürgersohn, der seinen Lebensunterhalt „durch seiner Hände Fleiß" verdiente, auf einer Ruderregatta starten. In Preußen war das Dreiklassenwahlrecht noch nicht aufgehoben, das die stimmberechtigten Bürger nach ihrem Steueraufkommen in drei Klassen teilte. Studenten, deren Eltern keine Akademiker waren, hatten wenig Chancen in eine Burschenschaft von Rang und Namen aufgenommen zu werden.

Kurz gesagt, nahezu alles, was uns heute im gesellschaftlichen Bereich als Selbstverständlichkeit erscheint, war vor 100 Jahren höchstens eine vage Hoffnung und ein Ziel, für das es zu kämpfen galt. Diesen „Kampf" nahm das Bürgertum auf, es wagte sich auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens vor, und ein liberaler Geist mit dem Motto „Freie Bahn dem Tüchtigen" zog auch in die bisher streng schwarzweiß-rot konservativen Bootshäuser. Dieser Zeitgeist machte auch vor den Hallentoren des Heidelberger Ruderklubs nicht halt. Rudern galt bis zu dieser Zeit als eine vorwiegend akademische Angelegenheit. Dennoch schafften es einige junge Herren, die dem Bürgertum entstammten, einen Vierer auf die Beine zu stellen. Doch wenn diese Mannschaft im Bootshaus erschien und trainieren wollte, war es nicht selten der Fall, daß ihr Boot gesperrt war. Vielleicht war ein Ausleger entfernt, ein Stemmbrett oder ein Rollsitz verschwunden, oder andere waren mit Boot soeben weggefahren. Jeder von uns weiß, was es so an kleinen „Spaßen" gibt, um andere zu ärgern.

Diese „Spaße" aber verdarben die jungen Männer des .gemobten' Vierers den Studenten, und zwar nicht etwa damit, daß sie die Ruderei ließen, sondern ganz im Sinne eines entscheidungs- und tatkräftigen Bürgertums traten sie aus dem damals einzigen Heidelberger Ruderverein aus und gründeten einen neuen, die Rudergesellschaft Heidelberg. Erst hier konnte ihr Wunsch nach unbehinderter sportlicher Entfaltung Wirklichkeit werden.